04.06.2026
Die Bäume mit den Namensschildern
Eigentlich waren wir im Wald, um FlyBi-Rekorder auf- und abzubauen und die Vogelwelt zu kartieren. Dabei kamen wir immer wieder an alten Bäumen mit Namensschildern vorbei. Die Neugier hat uns zu einer Darmstädter Tradition geführt, die ein Heimatforscher schon vor uns beschrieben hat.
Angefangen hat es mit den Vögeln. Um die Vogelwelt im Gebiet südlich von Darmstadt zu kartieren, waren wir oft im Wald unterwegs, um unsere FlyBi-Rekorder aufzubauen, ein paar Tage später wieder einzusammeln und die Aufnahmen auszuwerten. Auf diesen Wegen kamen wir immer wieder an alten Bäumen vorbei, die ein kleines Namensschild trugen. Klipsteineiche. Goethebuche. Claudiuseiche. Irgendwann wollten wir wissen, was es damit auf sich hat.
Eine Darmstädter Tradition
Es stellte sich heraus, dass diese Schilder kein Zufall sind, sondern zu einer alten Darmstädter Eigenheit gehören: den Namensbäumen. Besonders markante Bäume in den Wäldern um die Stadt werden seit weit über hundert Jahren dokumentiert, gepflegt und nach Persönlichkeiten benannt, nach Dichtern wie Goethe und Herder, nach Forschern, Förstern und lokalen Größen. Offizielle Naturdenkmale sind sie nicht, aber als Namensbäume sind sie fest etabliert. Insgesamt sind es 69 benannte Bäume, von denen heute leider einige nicht mehr stehen.
Carlo Schneider hat das alles schon aufgeschrieben
Bei der Recherche sind wir schnell auf einen Namen gestoßen: Carlo Schneider (1905 bis 1991), Darmstädter Verwaltungsbeamter und Heimatforscher. Er hat die bemerkenswerten Bäume in den Wäldern um Darmstadt zusammengetragen und 1986 in einem Buch beschrieben, mit Standortangaben, den Namensgebern und einer Karte zum Nachwandern: Bemerkenswerte Bäume in den Wäldern um Darmstadt. Vieles, was man heute über die einzelnen Bäume liest, geht auf seine Bestandsaufnahme zurück. HessenForst führt die Tradition fort, mit einem Flyer und sogar kleinen Podcasts zu einzelnen Bäumen.
Der älteste von allen
Der eindrucksvollste Baum im Gebiet ist die Klipsteineiche. Eine Stiel-Eiche, geschätzt rund 600 Jahre alt, mit 7,10 m Stammumfang und 41 m Höhe eine der dicksten Eichen Deutschlands. Sie steht östlich des Mühltals und ist nach Dr. Philipp Engel von Klipstein (1777 bis 1866) benannt, dem damaligen Leiter der Oberforstdirektion Darmstadt. Gleich daneben liegt das Klipsteingrab von 1846. Wenn man davorsteht, fällt es schwer zu glauben, dass dieser Baum schon stand, als Darmstadt noch ein kleines Residenzstädtchen war.
Was jetzt auf der Seite steht
Aus der Neugier wurde ein fester Bereich in unserem Naturportal. Auf lehrpfade.sonitrace.com/ffh-darmstadt/baeume sind die benannten Bäume mit Art, geschätztem Alter und Lage gesammelt. So wurde aus einem Nebenbei-am-Wegrand ein eigenes Kapitel neben den Vögeln.
Eine Idee für die Zukunft
Eine Sache nehmen wir uns langsam vor, ohne Eile und eher als Hobby neben der Vogelarbeit: Wir würden die Bäume gerne nach und nach selbst fotografieren, immer aus einer vergleichbaren Perspektive, den Stammumfang nachmessen und den heutigen Zustand festhalten. Carlo Schneiders Aufnahme ist von 1986, und Bäume verändern sich. Es wäre schön, sein Werk auf diese Weise behutsam fortzuschreiben und auf einen aktuellen Stand zu bringen. Mal sehen, wie weit wir kommen.
Wer selbst Fotos oder Beobachtungen zu den Bäumen beitragen möchte, schreibt uns gerne an: kontakt@sonitrace.de.
Quellen
- Carlo Schneider: Bemerkenswerte Bäume in den Wäldern um Darmstadt, 1986.
- HessenForst, Forstamt Darmstadt: Darmstädter Namensbäume
- Darmstadt-Stadtlexikon: Waldgeschichte
- SoniTrace Naturportal: Namensbäume im FFH-Gebiet